UWE KOLBE

 

„Für Gedichte, die Stationen einer Biographie in schillernden Bildern, in saloppem und hohem Ton abschreiten, die anspielungsreich Literatur, Kunst, ein ganzes Dichterleben umfassen und auf ihrer paradoxen Suche nach Klarheit einen Paradiesgarten finden - bekommt Uwe Kolbe den Lyrikpreis Meran 2012.“

 

 

LUST, UMGANG, SPRACHE

Curriculum vitae für Marion Wartumjan

 

7

Bedrängnis vor Lust, sagte die dreizehnte Fee

und setzte sich auf meinen Kopf. Strahlender Azur!

tönte es von den Halden Pompejis,

auf die ich schaute, bedrängt,

aber sicher. Das Boot fuhr,

Tuch flappte an Eisen, Eisen schrie über Holz,

wer fragte, erhielt eine Antwort, ich nicht,

ich hörte die Stimmen des Leibes.

Wer fragte, dem sprachen sich Ufer zu.

Ich japste nach Luft, sog Säuren ein,

man brachte das Balg in das Hospital zurück.

Das Boot nun verkauft, unterm Hintern weg

gezogen, die Fersen durchstochen,

zum Pendel gemacht, hing ich, Fee unten,

wir furchten die Erde, rochen nach Pilzsaison.

Kind ging verloren, ich lernte zu lesen

die Schrift an den Wänden Pompejis,

nichts währte, da stand es, durchs Innere

der Fee, Brennglas, gesehen, das blieb so

und schwärte, das Graben der Seele

im spastisch-phantastischen Nexus.

Am Anfang die widerstandslose Wollust,

der Grundtext in meinem geliebten Deutsch.

 

 

 

 

Biographie:

Geboren 1957 in Berlin.

Lebt in Berlin.

 

1976 erste Texte in der Literaturzeitschrift „Sinn und Form“, seit 1979 freier Schriftsteller. 1980/81 Sonderstudium am Literatur-Institut „Johannes R. Becher“. Nach Auseinandersetzungen mit der Kulturpolitik der DDR in den 1980er-Jahren mit Publikationsverbot belegt, arbeitete er für verschiedene Untergrundzeitschriften. Von 1984 bis 1987 gab er zusammen mit Bernd Wagner und Lothar Trolle die nichtoffizielle Literaturzeitschrift „Mikado“ heraus. 1986 Ausreise nach Hamburg.

1996 Austritt aus dem P.E.N.-Zentrum der Bundesrepublik Deutschland. 1997 bis 2003 Leiter des Studios Literatur und Theater der Universität Tübingen. Heute lebt Uwe Kolbe als freier Schriftsteller in Berlin und ist Mitglied der „Freien Akademie der Künste“ zu Leipzig

 

Auszeichnungen, Preise und Stipendien: 1988 Nicolas-Born-Preis für Lyrik; 1989 Writer in Residence an der Universität von Texas in Austin; 1992 Villa-Massimo-Stipendium; 1993 Friedrich-Hölderlin-Preis Tübingen; 2005 Stadtschreiber in Rheinsberg; 2006 Preis der Literaturhäuser; 2007 Writer in Residence am Oberlin College, Ohio; 2010 Writer in Residence am Allegheny College, Pennsylvania; 2011 Stadtschreiber in Calw; 2012 Heinrich-Mann-Preis

 

Buchveröffentlichungen (Auswahl): „Bornholm II“ (Gedichte). Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1985; „Vaterlandkanal. Ein Fahrtenbuch“. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1990; „Nicht wirklich platonisch (Gedichte). Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1994; „Die Farben des Wassers“ (Gedichte). Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2001; „Thrakische Spiele“ (Kriminalroman). München: Nymphenburger 2005; „Heimliche Feste“ (Gedichte). Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2008; Diese Frau. Liebesgedichte. Mit Farbholzschnitten von Hans Scheib. Frankfurt a.M.: Insel 2000; „Heimliche Feste“. Gedichte. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2008; „Vinetas Archive. Annäherungen an Gründe“ (Essay und Prosa). Göttingen: Wallstein 2011.