THOMAS KUNST

 

„Als Meister der Neugier weckenden Eingangszeile einer mäandernden Poesie, in der Zuckerfabriken und Schachtelhalme starke Momente haben und Schafe im Dunkeln leuchten: für Gedichte, die sowohl die Formenkunst des Sonetts wie des rhythmisierten Langgedichts beherrschen, für Gedichte, die bei aller überbordenden Fabulierkunst politische und historische Schrecken streifen und Haken schlagend mit kühnen Volten zwischen bitterer Komik und Melancholie changieren erhält Thomas Kunst den Meraner Lyrikpreis 2014.“

 

 

ICH HABE DEN APFEL NICHT BERÜHRT, DAS WAFFELEISEN, DEN SEE.
Ich habe die alte Briefmarke unangeleckt gelassen, welche Briefmarke, ich
Habe die Waren auf dem Kassenband kurz vor 
Dem Bezahlen ausgetauscht, Streichhölzer anstelle der Salzstangen, 
Underberg anstelle der Feiglinge, ich habe dann
Doch nichts gekauft, ich schlafe jetzt oft bei
Fremden, wenn sie die Nacht über
Unterwegs sind, ich benutze zerfallende 
Kohle für meine Aufzeichnungen auf
Kühlschrankpapier, aber nur, weil ich
An die Altersschwäche von Magneten
Glaube, ich möchte nicht, daß morgen die
Halbe Welt weiß, daß ich gestern nicht
Beim Tischtennistraining gewesen bin, warum ich
Einen Werkzeugkoffer in meinem
Soundsovielten Leihwagen habe, einen
Werkzeugkoffer, das Aufspüren einer geheimen
Liebe ist eine unverschämte Enttäuschung, die 
Sinnlosigkeit einer überstandenen Liebe ist eine
Touristenattraktion, wie lange
Habt ihr gestern noch gemacht, erzähl ich dir 
Später, wie lange ihr gestern noch 
Gemacht habt, bleib ruhig, entspann 
Dich, mein Yoga-Lehrer sagt in solchen Momenten 
Immer zu mir, sei ein lächelndes Wasser, sei
Armenien im Alter, nur ohne
Schachtelhalme, bis um vier, um
Zwei, bis um 
Fünf, erzähl ich dir
Später, die Ängste beim Weglassen der
Warentrenner, Europa im Winter, die leichten, fast
Beiläufigen Korrekturen mit
Einer Hand, mehr zu mir 
Hin, das Versagen auf 
Ganzer Ebene, aber ich habe
Den Apfel in dieser Welt nie
Berührt, das Waffeleisen, die Briefmarke, 
Den Ammelshainer
See.

 

 

 

 

Biographie: 

Geboren 1965 in Stralsund,

lebt in Leipzig

   

1984 Abitur, 1986 Umzug nach Leipzig, seit 1987 Bibliotheksassistent in der Deutschen Bücherei  Leipzig, erste Buchveröffentlichung 1991. Neben der Literatur  schon immer  eine intensive Beschäftigung mit improvisierter Musik (Gitarre, Violine).  


Auszeichnungen: 1996 Dresdner Lyrikpreis. 1999 Stipendium in Amsterdam. 2003 Stipendium der Villa Massimo in Rom. 2004 F.C. Weiskopf-Preis der Akademie der Künste in Berlin. 2009 Stipendium der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. 2012 Finalist im Lyrikpreis Meran. 2013 14. Lyrik-Nahbellpreis des G&GN-Instituts für die "lebenslängliche Zeitgeistresistenz & Unbestechlichkeit im poetischen Gesamtwerkprozess".


Zuletzt: Was wäre ich am Fenster ohne Wale. Gedichte, Frankfurt a.M.: Frankfurter Verlagsanstalt 2005. Legenden vom Abholen. Gedichte, Hörby: Edition Rugerup 2011. Die Arbeiterin auf dem Eis. Gedichte und Briefe, Dresden: Edition Azur 2013.