TOM SCHULZ

 

Für eine Lyrik mit romantischer Emphase und dichterischem Assoziationswirbel, in dessen ruhigen Zentrum abgedunkelte Limousinen vorfahren und Mozart mit den Ohren von Schäferhunden gehört wird; für eine Montage von Welt, in deren Wortrausch sich Eichendorff und der höhere Kalauer mit einer Philosophie der Lichts verbinden erhält Tom Schulz den Alfred-Gruber-Preis 2014.


About : blank

ich habe lange nichts und wieder nichts geschrieben
geschrieben habe ich eine leere Seite voll, sie war sehr weiß
sie kannte Blüten, Knospen, einen Widerschein
das Brennen, und das Scheitern, einerlei

geschrieben habe ich vom Schnee auf Brüsten
wie er hinunter stäubte, Schnee, der abwesend war
genauso wie die Brüste auch, hinterher oder später
nichts habe ich, so oder so, geschrieben - als hätte ich 

das Brot mit einem Fingernagel blank gerieben, Brösel
und alles wieder nichts, als hätte ich den Schnee vom Dach geschoben
die Schulter einer weißen Frau gestreift, habe ich geschrieben
ein leeres Blatt, und wieder nichts, Brosamen, Amen

sehr lange habe ich den Sittich auf der Stange sitzen sehen
in einer Küchenzeile oder in der Hölle, die Fenster offen oder 
doch geschlossen, man konnte selbst die Stühle hin und her 
verrücken, hinterher oder später, denn sie brannten 

nicht sonderlich, wenn auch niemand auf ihnen tanzte
blieben doch Gegenstände wie ein Messer oder eine Kerze
auf dem Tisch, floss aus dem Wachstuch, das erkaltet war
künstlicher Honig - das habe ich geschrieben, so als ob

aus dem falschen Hals das kranke Vögelchen entschlüpfte 
eine Grasmücke vermeintlich, als mit der Flaschenscherbe 
in der linken Hand eine, halb Mädchen und halb Frau, in das Wald-
Stück rannte, weiß wie Blut, und alle Seiten, Bögen, alle 

Stempel auch - dass eine, diese, in die Blüte sah - eine Narbe
aufgeplatzt: zeige nie einem Fremden dein Handgelenk
so wie ich ein Fremder bin, der dir die Melodie vom Herzen 
ablauscht und sie zu seiner eigenen macht, einer der frei

erfunden, spricht wie gedruckt: eine Feder, ein Samthandschuh
im Flug - so habe ich die Wahrheit aus wieder nichts gesponnen
und alle meine schönen Augen bevölkerten halb Tirol und halb 
Libanon, und wenn du mir die Stelle zeigtest nachts, war da 

auch ein Mund, der sich auf dich stülpte, der dich unter dir begrub
dass ich mein Liedchen pfiff, von einem Kinderherzen abgekupfert
halb Mädchen und halb Knabe, weiß wie Blut, und alle weißen Körper

 

 

 

 

Biographie:

Geboren 1970 in der Oberlausitz,

lebt in Berlin


Von 1991 bis 2001 verschiedene Jobs in der Baubranche. Seit 2002 freier Autor. Seit 2008 Dozent für „Kreatives Schreiben“ und Lyrikworkshop Leiter der der Schreibwerkstatt „open poems“ an der Literaturwerkstatt Berlin.


Auszeichnungen: 1991 Preisträger beim Treffen junger Autoren, Berlin. 1996 Gastpoet an der Universität Augsburg. 2010 Bayrischer Kunstförderpreis für Literatur. 2012/13 Heinrich Heine Stipendium, Lüneburg. 2013 Berliner Senatsstipendium. 2013 Kunstpreis Literatur der Lotto-Stiftung Brandenburg.


Zuletzt: Kanon vor dem Verschwinden. Gedichte, Berlin: Berlin Verlag 2009. Liebe die Stare. Prosa, Berlin: Verlagshaus J. Frank 2011. Innere Musik. Gedichte, Berlin: Berlin Verlag 2012.