Mikael Vogel 

 

Mit dem Medienpries der RAI Südtirol wird Mikael Vogel gewürdigt für seinen konzentrierten Gedichtzyklus über das Aussterben von Tierarten von Beutelwolf bis zum Bengalgeier.
Vogel operiert mit der Form von Lexikoneinträgen, die er zugleich anzitiert wie in beeindruckender Diskretion überstiegt; Eindringlichkeit entsteht so durch äußerste Sachlichkeit.
Ursachen und Bedingungen Aussterbens werden ohne moralisierende Verkleinerungen vorgetragen, und doch bzw. gerade dadurch markiert Mikael Vogel scharf und höchst differenziert die Verantwortlichkeit des Menschen. In seine Epitaphen sowie den eingesprengten Zeitkapseln verschränkt der Autor Natur- sowie Kulturgeschichte in ihrer wechselseitigen Bedingtheit.

 

 


Der Beutelwolf 

 

Tasmanien war ganz und gar sein..


im
Mütterlichen Beutel aufgewachsen scheute er keinen



Kampf, ging meist als Sieger hervor. Jagte auf langen Streifzügen



Wombats, Wallabys, Possums, Kaninchenkänguruhs, Forellen. Dann



Ankunft der Siedler aus Europa. Rodeten Wälder für Weideflächen



Drängten ihn ab, seine Beute immer rarer. Konnte den Unterkiefer



Neunzig Grad weit aufklappen – sein Biß jedoch zu schwach für die Schafe



Die zu reißen Farmer, Schafindustrie ihm vorwarfen. Per Kopfgeld ausgerottet worden


Die seine Insel kolonialisierende Van Diemen's Land Company so ihr


Mißmanagement vor den Aktionären in London verschleiernd, die Abschußprämie


Mit der Zahl vorgelegter Kadaver steigernd – bald beschloß die Regierung Budgets


Für die Aufrechterhaltung des Vernichtungsdrucks, konnte jährlich Einsparungen


Vornehmen während er auszubleiben begann. Auch Tasmanischer Tiger genannt



Seine Gefährlichkeit übertreibend. Sein angeblicher Vampirismus an Schafshälsen ver-


Biß sich in der wissenschaftlichen Literatur. Sein Drohen sah wie Gähnen aus.



Der letzte Beutelwolf starb in der Nacht des 7. September 1936 in einem


 

Zookäfig in Hobart, bei Wintertemperaturen aus seinem Schlafquartier ausgesperrt.


Die Regierung hatte ihn neunundfünfzig Tage zuvor zur geschützten Art


 

Erklärt. Eine Nachzucht war in den Zoos ein einziges Mal gelungen

 

 

 

Mikael Vogel, 1975 geboren, lebt seit 2003 in Berlin. Vier Gedichtbände sind bislang erschienen: Morphine (Verlagshaus Berlin, 2014), Massenhaft Tiere (Verlagshaus Berlin, 2011), O Wildnis Dunkelheit!Nachtgedichte (Offizin S. Meran, 2009, bibliophiler Handdruck), Kassandra im Fenster (mit Friederike Mayröcker und Bettina Galvagni, Offizin S. Meran, 2008, bibliophiler Handdruck). 2002 hat er das Hermann-Lenz-Stipendium erhalten. 2015 ist er mit dem yakiuta-Stipendium nach Hokkaidō, Japan geschickt worden; im Rahmen des Stipendiums wird eine Gedichtsammlung Wasuremono mit Japangedichten erscheinen. 2012 hat Friederike Mayröcker zwei Gedichte von Mikael Vogel in die Liste ihrer 25 Lieblingsgedichte aufgenommen. Am Wettbewerb um den Lyrikpreis Meran nimmt Mikael Vogel mit Arbeiten aus seinem Gedichtband über ausgestorbene und vom Aussterben bedrohte Tierarten Dodos auf der Flucht teil, der im Frühling 2017 im Verlagshaus Berlin erscheinen wird.