3. Preis

Marcus Neuert

 

(*1963, Frankfurt a.M.) lebt als Schriftstellerund Musiker in Minden/Westfalen. Zuletzt: „Umaginauten. Ein Morbidarium in 21 Erzählungen“ (Free Pen Verlag, 2018). 

 

 

Mit folgenden Begründungen bestimmten sie die Siegerinnen und den Sieger: 

  

Marcus Neuerts Gedichte bestehen aus Sätzen, in die Anagramme eingelagert sind – also Buchstabengruppen, die zu immer neuen Wortkombinationen zusammengestellt werden. Dabei entstehen nicht nur witzige Spracheffekte: Aus dem „trauerspiel“ wird unversehens eine „arie[, die] ruelpst“.  Darüber hinaus bilden die Texte kleine, manchmal tragikomische Geschichten wie die von einem „genussartist“, dem was vor die „stirn gesaust“ ist und der deshalb mit einem Schlaganfall – „gestirnsstau“ – ins Krankenhaus eingeliefert werden muss. Manche Prägungen – wie dass einem die „locken freistehen“, will heißen: dass unter dem Schädeldach kein Verstand mehr sitzt – könnten in die Umgangssprache eingehen. Darüber hinaus zeigt ein „kleines gedicht“ poetologische Qualitäten und spricht davon, wie Poesie kindliche Naivität mit der Erfahrung von Schmerz und Tod verbinden kann. Diese Texte legen etwas von der Magie, dem blitzschnell neu sich ergebenden Sinn des anagrammatischen Verfahrens frei; sie überzeugen durch die Souveränität, mit der ein uraltes poetisches Verfahren für unvermutete sprachschöpferische Effekte genutzt wird.